Rezension meines soeben erschienenen Buches "Deutsch-türkische Beziehungen"

von Süleyman Gögercin, Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen

Hakki Keskin: Deusch-türkische Perspektiven. Plädoyer für eine zukunfts-orientierte Integrationspolitik. Wochenschau Verlag (Schwalbach) 2009. 256 Seiten. ISBN 978-3-89974-474-3. 14,80 EUR. Zum Thema: Integrationspolitik

Es wird kaum mehr darüber gestritten, ob die Bundesrepublik Deutschland ein Einwanderungsland ist. Mit diesem Sinneswandel in der Politik sind seit Beginn dieses Jahrhunderts Aspekte der Integration auf mehrfache Weise besonders ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Die konzeptionelle Ausarbeitung und systematische Förderung der Integration von dauerhaft hier lebenden Migranten erfuhr in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit, die längst erforderlich war. Nicht zuletzt durch ‚Integrationsgipfel‘ und einen ‚Nationalen Integrationsplan‘ wurde das Thema ‚Integration‘ eines der zentralen politischen Themen der Gegenwart in Deutschland. Zielgruppe und Zielsetzung

Mit seiner neuen Publikation will Hakkı Keskin ’sich gezielt an den interessierten ‚Normalbürger’ wenden‘ und ’sachlich fundierte und konkrete Informationen liefern und einen konstruktiven Beitrag zum Zusammenleben von Mehrheitsgesellschaft mit den eingewanderten kulturellen Minderheiten liefern.‘ (S. 15) Er will ‚die vielen Ansätze und Beispiele gelungener Integration sichtbar . machen, die Ursachen nicht gelungener Integration . untersuchen und neue Wege aufzeigen, um eine umfassende, politische, rechtliche, soziale und wirtschaftliche Integration zu realisieren.‘ (S. 16) Autor

Hakkı Keskin ist in der Türkei geboren (1943 in Maçka / Trabzon) und hat in den 60er Jahren über ein Stipendium an der FU in Berlin studiert und war dort Vorsitzender der ‚Türkischen Studentenföderation in Deutschland‘. Wegen seines politischen Engagements trug er einige Konflikte mit der türkischen Regierung aus und wurde dabei zweimal ausgebürgert.

Keskin ist deutscher Staatsbürger, war von 1982 bis 2005 als Professor für Politikwissenschaft und Migrationspolitik im Fachbereich Sozialpädagogik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg tätig und SPD-Abgeordneter in der Hamburgischen Bürgerschaft. Im Sommer 2005 trat er nach 30 Jahren Parteimitgliedschaft aus der SPD aus und errang ein Bundestagsmandat auf der Offenen Liste der Linkspartei in Berlin; er legte daraufhin am 22. Oktober 2005 nach zehn Jahren sein Amt als Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland nieder. Aufbau und Inhalt

Abgesehen vom Vorwort, in dem Keskin der Frage ‚Wohin gehöre ich hin?‘ nachgeht, besteht das Buch aus zwölf Kapiteln, die allerdings nicht durchnummeriert sind:

1. Im 1. Kapitel führt Keskin den Leser in das Buch ein, indem er sein Anliegen sowie die Inhalte des Buches in Stichworten beschreibt.

2. Das 2. Kapitel betitelt Keskin Grundgedanken zu einer neuen Integrationspolitik. Sein Zwischentitel ‚Integration heißt ‚eine neue Heimat finden’‘ (S. 19) bringt sein Integrationsverständnis zum Ausdruck. Er skizziert anschließend Deutschland als einEinwanderungsland und bezeichnet im nächsten Unterkapitel den ‚Nationale(n) Integrationsplan‘ in allen seinen Punkten als unterstützenswert (S. 24). Weitere Grundgedanken macht sich Keskin ferner über Themen, deren folgende Zwischenüberschriften gleichzeitig auch seine Positionen zu den beschriebenen Sachverhalten verdeutlichen:, ‚Einbürgerungstest erschwert erneut den Erwerb der Staatsbürgerschaft‘ (S. 27) und ‚Das Berliner Integrationskonzept als gelungenes Modell‘ (S. 29).

3. Das Dilemma der bisherigen Integrationspolitik lautet der Titel des 3. Kapitels, in dem Keskin zunächst den ‚unvollendete(n) Weg vom ‚Gast’-Arbeiter zum gleichberechtigten Bürger‘ (S. 32) beschreibt und über das Aufzeigen der ‚Wechselbäder deutscher Integrationspolitik‘ (S. 36) zum im Jahr 2005 eingeführten Zuwanderungsgesetz kommt, das er als ‚ein besonders unrühmlicher Meilenstein in der Integrationspolitik‘ (S. 37) bezeichnet. Das abschließende Unterkapitel trägt einen Titel, der dessen wesentlichen Inhalt zusammenfasst: ‚Stets mehr Ausgrenzung als Akzeptanz‘ (S. 44).

4. Im 4. Kapitel thematisiert Keskin Gesellschaftliche Wertediskussionen. Er diskutiert über ‚Verfassungspatriotismus versus Leitkultur‘ (S. 47) und plädiert für Verfassungspatriotismus. Er setzt sich mit dem Konzept der ‚multikulturellen Gesellschaft‘ auseinander und betrachtet die ‚Kulturelle Vielfalt als Chance‘ (S. 49) und den ‚Islam als Bestandteil der deutschen Gesellschaft‘ (S. 54).

5. Unter ‚Unverständnis für und Ablehnung der ‚Nichtdeutschen’‘ behandelt Keskin im 5. Kapitel folgende Themen: das ‚Leben mit mehreren Identitäten‘, ‚’Die’ Türken – Klischees und Vorurteile‘, ‚Deutsch-türkische Frauen zwischen Klischee und Wirklichkeit‘, ‚Zwangsheirat‘, ‚Ehrenmorde‘, ‚Familiäre Gewalt gegen Frauen und Kinder‘, ‚Mythos Parallelwelt und Türkengetto‘, ‚Diskriminierung und Angst vor den ‚Nichtdeutschen’‘, ‚Fremdenfeindlichkeit und Rassismus‘. Keskin diskutiert diese Themen und schlussfolgert im Bezug auf die letzten drei Punkte: ‚Je mehr ablehnende Signale aus der Mehrheitsgesellschaft kommen, desto mehr verstärkt sich‘ (S. 106) der Prozess des Rückzugs bei Migranten. ‚… dieser Rückzug (ist) in den allermeisten Fällen kein freiwilliger . Es ist nicht selten eine erzwungene Reaktion auf die zu geringe Aufnahmebereitschaft der Mehrheitsgesellschaft, fremdenfeindliche Einstellungen und rassistische Übergriffe.‘ (S. 107)

6. Keskin setzt sich im 6. Kapitel mit Fragen der Bildung und Erziehung – der Schlüssel zu mehr Chancengleichheit auseinander und bezieht sich dabei auf die Ergebnisse der PISA und OECD-Studien, die eine massive Benachteiligung der Schüler/innen mit Migrationshintergrund sowie Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Schichten im deutschen Bildungssystem belegen. (Siehe Unterkapitel ‚Soziale Herkunft und Bildungschancen‘, S. 109). Er betrachtet die ‚Interkulturelle Kompetenz als Bildungsideal‘ (S. 110) und thematisiert ferner ‚Erziehung in Kindergarten und Vorschule‘ (S. 114) sowie ‚Deutsch-Kenntnisse, muttersprachlicher Unterricht und Bilingualität‘ (S. 115), plädiert für die ‚Aufwertung der türkischen Sprache‘ (S. 118) und zeigt die besondere Bedeutung der ‚Elternarbeit, türkischen Selbsthilfeinitiativen und Pädagogenausbildung‘ (S. 119) auf. Er schließt das Kapitel mit zum Teil ausführlichen Erläuterungen zu den seit Anfang 2005 durchgeführten Integrationskursen und zur Erwachsenenbildung ab.

7. Das 7. Kapitel ist dem Thema Arbeitsmarkt und benachteiligte soziale Stellung gewidmet. Keskin zeigt mit einigem Zahlenmaterial zunächst die ‚Hohe Arbeitslosigkeit und ‚Ausländer-Problematik’‘ (S. 132), ‚Versäumnisse der Beschäftigungspolitik‘ (S. 134) sowie ‚Chancenungleichheit zwischen Deutschen und Nichtdeutschen‘ (S. 135) auf. Dann geht er auf deutsch-türkische Frauen als ‚die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt‘ (S. 137) sowie auf das Problem der Jugendarbeitslosigkeit und Jugendkriminalität ein. Im letzten Teil widmet er sich der Notwendigkeit, die Versorgung der älter werdenden Migranten durch ‚kultursensible Angebote für Senioren, Pflegebedürftige und Kranke‘ (S. 147) sicherzustellen.

8. In dem 8. Kapitel (‚Die verweigerte Anerkennung der Leistungen der Migranten‘) liefert Keskin mehrere historische und ökonomische Daten und Fakten zu Migranten/innen und deren beachtlichen wie unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren der deutschen Gesellschaft (vgl. Zwischenüberschriften: ‚Der Beitrag für die öffentlichen Haushalte und Sozialsysteme‘ (S. 155), ‚Deutsch-Türken als Unternehmer: mehr als ‚Döner & Co.’‘ (S. 158), ‚Einwanderer als Konsumenten und Sparer‘ ( S. 161), ‚Der Beitrag der Migranten zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung‘ ( S. 163), ‚Migranten als Leistungsträger in allen Bereichen der Gesellschaft‘ ( S. 167) und ‚Deutschland braucht auch zukünftig Einwanderung‘ ( S. 171).

9. Die rechtliche Stellung der Deutsch-Türken ist das Thema des 9. Kapitels. Seine Ausführungen hierzu beginnt Keskin mit der Feststellung: ‚Basisdemokratie ohne Beteiligung der Basis‘ (S. 173). Im Bezug auf das ‚Kommunale Wahlrecht‘ weist er auf die bereits 1979 vom ersten Ausländerbeauftragten der Bundesregierung und gegenwärtig von vielen prominenten Politikern verschiedener Parteien geforderte Forderung nach Einführung des kommunalen Wahlrechts, das bisher nicht erfolgt ist. Das nächste Thema, mit dem Keskin sich auseinandersetzt, betrifft ‚Deutsche Staatsbürgerschaft und Doppelpass‘ (S. 176) und ‚Das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht‘. Unter Bezugnahme auf die Regelungen in einigen anderen Ländern (USA, GB, Schweden und Niederlande) sowie auf die EU und die Vereinten Nationen fordert Keskin im letzten Teil dieses Kapitels die Überarbeitung und verbesserte Umsetzung des ‚Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes‘.

10. In Kapitel 10 geht es um die Türkeipolitik und ihre Folgen für Deutschland. Nachdem Keskin als erstes festhält, dass das Interesse in der deutschen Öffentlichkeit an der Türkei noch nie so groß war wie derzeit (S. 190), diskutiert er hier im Kontext der neueren türkischen Geschichte (‚Kemalismus, Säkularismus und die Rolle des Militärs in der Türkei‘, ‚Der Verbotsantrag gegen die Regierungspartei AKP‘ und ‚Die Lösung der Kurdenfrage‘) die aktuellen Themen, die das Bild prägen, das die Deutschen von der Türkei und deren innen- und außenpolitischen Standpunkten und damit zusammenhängend von ihren deutsch-türkischen Nachbarn haben.

11. Das vorletzte Kapitel handelt davon, was Keskin ‚Eine unendliche Geschichte: Die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei‘ betitelt. Keskin setzt sich hierbei mit Pro- und Kontra-Argumenten der EU-Mitgliedschaft der Türkei auseinander (‚Europa und der Islam‘, ‚Die Angst vor Einwanderung und den Kosten des EU-Beitritts‘ sowie mit der ‚Wirtschaftlichen Bedeutung der Türkei für Deutschland und die EU‘) und bezieht eindeutig eine Pro-Position, indem er mitunter festhält: ‚Die Türkei ist euro-asiatisch‘ (S. 216). Er betrachtet den ‚EU-Beitritt als Beitrag zu Integration und Friedenssicherung‘ (S. 221) und lehnt die Idee der Unionsparteien ‚Privilegierte Partnerschaft‘ als ‚Worthülse für eine Mogelpackung‘ (S. 225) ab, da dies weit hinter der Vollmitgliedschaft der Türkei steht, die auch frühere mächtige Unionspolitiker wie Helmut Kohl oder Michael Glos in ihrer Regierungszeit nie in Zweifel zogen. In diesem Zusammenhang geht er auch auf die ‚Zypernfrage‘ ein. Er ist wie viele (Deutsch-)Türken der Ansicht, dass die Türkei von Seiten der EU bei Beitrittsverhandlungen und in der Zypernfrage ungleich behandelt wurde, und führt die Abnahme der Befürworter eines türkischen EU-Beitritts innerhalb der türkischen Bevölkerung darauf zurück. Er mahnt davor, diese Entwicklung ernst zu nehmen, da diese ‚zu einer politischen Umorientierung und zu vermehrtem Nationalismus und Fundamentalismus in breiten Teilen der Bevölkerung führen kann.‘ (S. 229). Unter Bezugnahme auf das Abkommen von 1963 schließt Keskin dieses Kapitel mit der Forderung an die politisch Verantwortlichen nach ‚Vertragstreue‘ und nach der Anwendung der Kopenhagener Kriterien.

12. Im letzten Kapitel (‚Ausblick: Deutschland und die globale Migration‘) richtet Keskin sein Augenmerk auf die weltweiten Migrationsbewegungen, ausgelöst durch Globalisierung, Armut, akute Konflikte wie (Bürger-)Krieg, politische Unterdrückung, Umweltkatastrophen. Er vermisst, bei der ’nun schon mehrere Jahrzehnte andauernden Debatte über Flüchtlinge, Asyl und Einwanderung‘ eine parallel dazu geführte ‚eingehende Diskussion über die Ursachen der globalen Migration sowie über deren Bekämpfung oder Behebung … Es hätte eine Diskussion darüber geben müssen, welche Verantwortung die Industrienationen bezüglich der Fluchtursachen tragen und was gegen die Ursachen dieser Wanderbewegungen getan werden kann.‘ (S. 235). Keskin prophezeit eine weitere Zunahme der weltweiten Wanderbewegungen, von denen auch die Türkei nicht verschont blieb, indem sie in den letzten 20 Jahren mehr als 1,7 Mio. Menschen v.a. aus den sie umgrenzenden Ländern wie Iran, Irak oder auch Bulgarien aufnahm. Deutschland wird sich auch zukünftig mit diesem gewaltigen Problem auseinandersetzen und der historischen Aufgabe stellen müssen. Keskin hält fest: ‚Soziale Gerechtigkeit darf nicht allein innerhalb der Grenzen nationalstaatlicher Territorien als Ziel angestrebt werden, sie muss weltweit propagiert und ihre Umsetzung gefordert und praktiziert werden.‘ (S. 238) Ungerechte Weltordnung habe eine zentrale Bedeutung für Terrorismus und Gewaltanwendung. ‚Mit einer zukunftsorientierten Integrationspolitik im Inneren und einem engagierten Einsatz für eine zukunftsorientierte Migrationspolitik auf internationalen Ebene‘ sollte ‚ Deutschland … sich zusammen mit anderen Staaten und zivilen Nichtregierungsorganisationen an die Spitze einer … Bewegung setzen‘, die ‚für eine gerechte und als gerecht empfundene Welt- und Weltwirtschaftsordnung‘ sorgt. ‚Das würde das Ansehen und die moralische Autorität Deutschlands maßgeblich stärken. Eine derartige Neuorientierung wäre letztlich auch ein Beitrag zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus, denn dieser ist vor allem Reaktion und Antwort auf eine ungerechte Weltlage und unerträgliche Lebensbedingungen.‘ (S. 239)

Diskussion

Man kann von der politischen Partei, der Keskin angehört und in deren Reihen er im deutschen Parlament sitzt, halten, was man will. Mit diesem Buch meldet sich einer zu Wort, der weiß, wovon er redet: Sehr sachkundig, pragmatisch, engagiert und verständlich erläutert er wichtige Aspekte der Integration und spricht fast alle offenen Fragen an. Er tut dies nicht tiefgehend wissenschaftlich und theoretisch (will dies auch nicht), aber mit wissenschaftlicher Analyse und Bewertung eines persönlich Betroffenen, aus der Sicht eines Deutsch-Türken und aus der Perspektive eines aktiven deutsch-türkischen Politikers. Das ganze Buch ist einerseits mit wissenschaftlichen Argumenten, historischen und ökonomischen Daten und Fakten untermauert und andererseits von Analyse und Postulat durchzogen.

Seine Ansichten und Lösungsvorschläge sind zum Teil sehr leidenschaftlich und/oder normativ-moralisch, seine politischen und vor allem moralischen Appelle zum Teil sehr eindringlich, aber durchaus sympathisch und nachvollziehbar.

Fazit

Das Buch ist sehr gelungen und kann allen an Integrationsfragen interessierten Leserinnen und Lesern empfohlen werden.

Rezensent Prof. Dr. Süleyman Gögercin Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen Homepage www.dhbw-vs.de

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Zitiervorschlag Süleyman Gögercin. Rezension vom 17.04.2009 zu: Hakki Keskin: Deusch-türkische Perspektiven. Wochenschau Verlag (Schwalbach) 2009. 256 Seiten. ISBN 978-3-89974-474-3. In: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/7487.php

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